Anfang August sammelte sich auf den Feldern und Wiesen in der Nähe des ansonsten beschaulichen Örtchens Brokeloh wie aus heiterem Himmel eine bunte Schar von Gestalten, welche direkt der Geschichte entstiegen schienen. Ritter in schwerer Plattenrüstung marschierten neben mit Turmschild und Pilum ausgerüsteten Legionären und axtschwingenden Wikingern auf. Gaukler und Tinkturenhändler erfreuten sowohl das Publikum von Gladiatorenkämpfen als auch die Gäste von Piratenkneipen. Doch auch fantastische Kreaturen wie Orks, Untote und andere mythische Kreaturen konnte man zuweilen (grimmig dreinblickend wie immer) erspähen.
Grund für diesen Aufmarsch war das alljährlich stattfindende „Conquest of Mythodea“, ein Liverollenspiel Event, bei dem Rollenspieler aus Deutschland und der Welt (nach einigen Zählungen um die 4000) zusammen kamen, um in aufwändiger Gewandung in die Fantasy-Welt “Mythodea” einzutauchen.
Wie in allen Rollenspielen denkt man sich auch hier eine Spielfigur (Charakter) aus – komplett mit Vorgeschichte und Besonderheiten. Vom Elf über Magier bis hin zum Ritter sind dabei der Fantasie keine Grenzen gesetzt. Anders als beim klassischen Rollenspiel wird das Geschehen hier nicht am Tisch und durch die Beiträge und Erzählungen der Teilnehmer erschaffen, sondern die Spieler interagieren verkleidet mit anderen, kämpfen (mit Polsterwaffen, um Verletzungen zu vermeiden), „zaubern“ (wofür es spezielle Regeln gibt, welche die Auswirkungen der Sprüche auf die Spieler beschreiben, z.B. muss ein Spieler, welcher vom Zauber „Windstoß“ betroffen wird, sich rückwärts werfen, als werde er zurückgeschleudert, ein vom Zauber „Versteinerung“ betroffener Spieler darf sich eine zeitlang nicht bewegen, es sei denn er wird vom Zauber erlöst, usw.
Die Welt Mythodea stellt einen riesigen Fantasy-Kontinent dar, den es zu besiedeln und auf dem es Abenteuer zu bestreiten gilt. Die Spieler kommen aus verschiedenen Gebieten und die Gestaltung ihrer Charaktere orientiert sich teilweise an verschiedenen geschichtlichen Epochen, wie dem Mittelalter und der Antike. Jedoch dient das einzig und allein dem Wiedererkennungswert und es wird kein Versuch unternommen geschichtliche Konventionen maßstabsgetreu abzubilden – wie auch, schließlich lassen sich Dinge wie Orks und Elfen nur schwerlich mit diesem Anspruch vereinen. Auf Mythodea gilt also: Erlaubt ist, was Spaß macht.
Damit es nicht zu langweilig wird, muss es natürlich auch ein paar Böse geben, gegen die wackere Streiter kämpfen und die man davon abhalten kann, ihre bösen Pläne voranzutreiben. Am zahlreichsten unter diesen Gegnern waren dabei die dunklen Krieger des Schwarzen Eises und die endlose Armee der Untoten vertreten.
In epischen Schlachten, welche den monumentalen Leinwandbildern aus der “Herr der Ringe”-Trilogie in nichts nachstanden, prallten die verfeindeten Truppenverbände mehrmals täglich aufeinander und lieferten sich vom kleinen Scharmützel bis hin zur gewaltigen, mehrere tausend Mann umfassenden „Endschlacht“ das gesamte Spektrum der Kriegskunst aus Mittelalter und Fantasy-Literatur.
Der Spielraum LE war auf dieser Veranstaltung ebenfalls vertreten – im Lager der Untoten. Die Untoten schickten sich an, die Freiheit Mythodeas zu bedrohen, konnten am Ende jedoch geschlagen werden. Als besonderes Highlight brachten wir den Fleischgolem, ein zweieinhalb Meter großes Ungetüm, welches wagemutig von einem schwitzenden Mann auf Stelzen im Inneren gelenkt wurde, mit auf das Schlachtfeld, zum großen Entsetzen der anderen Charaktere; den Spielern, die sich hinter diesen Charakteren verbargen, hat dieser Kampf jedoch sichtlich Spaß gemacht.
Zwischen den Schlachten jedoch kehrten einstige Feinde einträchtig in einer der zahlreichen Tavernen ein (von denen eine ebenfalls vom Spielraum LE betrieben wurde), um nach allen Regeln der Kunst zu feiern, zu tratschen und die erdachte Figur mit all ihren Eigenarten und Macken auszuspielen.
Nach fünf Tagen Rollenspielerlebnis pur fuhren die Teilnehmer zufrieden, erschöpft und mit vielen neuen Erfahrungen und Bekanntschaften wieder in ihre jeweilige Heimat zurück.
Und für viele stand fest: Im nächsten Jahr bin ich wieder mit dabei.